In Sight KTR Podcast Folge 20: Gummi, das Herz(stück) der Kupplung

Julia Ures: Schön, dass Sie da sind! Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von „In Sight KTR“! Bei uns heißt es heute „Gib Gummi!“. Wir haben hier schon so einen Gummiball, den Sie, wenn Sie unser Video verfolgen, hier gerade schon in meiner Hand sehen. Ein kleines Gummielement, so drei Zentimeter im Durchmesser, was glaube ich auch tatsächlich als Flummi funktioniert. Wenn Sie uns zugeschaltet sind im Podcast, haben Sie das vielleicht gerade gehört, als dieser kleine Gummiball auf dem Tisch aufgetitcht ist. Denn unser Thema heute ist „Gummi, das Herz(stück) der Kupplung“. Schön, dass Sie mit dabei sind. Ich bin Julia Ures, darf Sie heute durch diese 20 Minuten hier begleiten. 20 Minuten, das ist immer so der Rahmen in diesem Pod- und Video-Cast, den wir uns geben, um diese Fragen, die von Ihnen gekommen sind, zum Thema zu beantworten, möglichst viele Fragen davon zu beantworten.

Und wie immer habe ich Gäste dafür hier im Studio und darf sehr herzlich begrüßen, Martin Kricke. Er ist Thinktank Manager Technology und seit drei Jahren bei KTR. Schön, dass Sie heute hier sind in diesem Studio.

Martin Kricke: Vielen Dank für die Einladung!

Julia Ures: Und bei uns in der Mitte sitzt Stefan Berndt, Leiter des Bereichs Berechnung und Normung. Wie lange sind Sie jetzt bei KTR?

Stefan Berndt: Ich habe angefangen im Mai 2008, also nicht ganz, 13,5 Jahre, also ein bisschen mehr als 13,5 Jahre.

Julia Ures: Schon eine ganze Weile. Herr Kricke, Ihr Weg, bis Sie hier zur KTR gekommen sind, wie ist der eigentlich verlaufen? Waren Werkstoffe schon immer Ihr Thema?

Martin Kricke: Ja, ich habe eigentlich ein relativ unspektakuläres Studium Maschinenbau mit Fachrichtung Fahrzeugtechnik absolviert und in Köln. Und bin damals schon, klar, Ford Köln ist naheliegend, bin als Student schon bei Ford arbeiten gewesen. Ja, Schicksal oder nicht? Schon damals bin ich mit Elastomeren in Kontakt getreten und das ist nun knapp 40 Jahre her. Seitdem auch nicht mehr losgeworden. Also schon während des Studiums bin ich mit Gummi und der Entwicklung von Gummiprodukten in Zusammenhang getreten.

Julia Ures: Was hat Sie dann an diesem Material sozusagen festhalten lassen, dass Sie gesagt haben, das ist was, was mich besonders interessiert?

Martin Kricke: Das Spannende an dem Material ist einmal, dass es im Vergleich zu metallischen Werkstoffen auch heute noch relativ wenig erforscht ist. Klar, es gibt viele Entwicklungsteams, die daran arbeiten, aber man ist doch sehr, sehr weit weg von den Kenntnissen, die man über metallische Werkstoffe hat. Und persönlich begeistert mich, dass dieser Werkstoff einen immer wieder überrascht, positiv und negativ.

Julia Ures: Dazu kommen wir vielleicht später nochmal. Dazu möchte ich gerne mehr erfahren, inwiefern der Werkstoff Sie überrascht. Herr Berndt, ich habe eben gesagt, Sie sind Leiter der Berechnung und Normung. Wenn wir jetzt an Kupplungen und an Gummi denken und darüber nachdenken, kommt vielen vielleicht so als erstes die Elastomere in der Kupplung in den Kopf. Vermutlich denken die meisten auch direkt an die ROTEX mit dem Zahnkranz. Im Zusammenhang mit unserem heutigen Thema landen aber ganz andere Produktanfragen auf Ihrem Tisch. Können Sie uns mal so ein bisschen mitnehmen und erklären, über welche Produkte wir da sprechen und wie der Prozess abläuft, wenn eine Kundenanfrage Sie erreicht?

Stefan Berndt: Da muss man erstmal klassisch vielleicht das Aufgabengebiet einer Kupplung beschreiben. Also primär muss die Kupplung ein Drehmoment übertragen und Fluchtungsfehler ausgleichen. Aber die Kupplungen, über die wir heute reden, die müssen noch mehr. Und zwar sind das dann vor allen Dingen dieselmotorische Anwendungen, wo die Kupplung über ihre Eigenschaft die Dynamik im ganzen Antriebsstrang stark bestimmt. Das heißt, eine richtig ausgelegte Kupplung führt auch dazu, dass innerhalb des Antriebsstranges im Grunde alles sehr gut läuft, keine Probleme auftauchen. Um dahin zu kommen, da muss man erst eine Berechnung durchführen. Und die findet natürlich dann bei uns statt.

Julia Ures: Bei Ihnen gibt’s auch immer wieder Berührungspunkte mit ganz besonderen Anwendungen. Über was für besondere Anwendungen sprechen wir da und welche besonderen Herausforderungen bringen die auch für Sie mit?

Stefan Berndt: Ich bin zum Beispiel heute Morgen noch über die Autobahn hierhingekommen, und da sind auch zurzeit eine Menge Baustellen. Da sehen wir dann vor allen Dingen Aggregate, die für die Erdbewegungen eingesetzt werden, das heißt, der Bagger, der Radlader zum Beispiel. Da sind natürlich dann dieselmotorische Motoren drin, die dann wieder irgendwas antreiben, und dazwischen natürlich dann unsere Kupplung. An einer Baustelle muss zum Beispiel auch eine Druckluftversorgung gewährleistet werden. Diese Druckluftversorgung geschieht auch über einen Verbrennungsmotor, der dann wieder einen Kompressor antreibt. Wenn wir jetzt mal dieses Themengebiet Baustelle verlassen und mal ein ganz anderes nehmen, dann wäre das zum Beispiel die Notstromversorgung an einem Krankenhaus. Also ein Krankenhaus arbeitet auch regulär angeschlossen mit dem normalen deutschen Energienetz. Wenn das jetzt ein Problem hat, muss im Hintergrund ein Notstromaggregat starten. Da ist natürlich dann auch der Aufbau, Verbrennungsmotor, KTR Kupplung und Generator. Und so hat jede Applikation für sich besondere Eigenschaften. Ich sag mal, gerade im medizinischen Bereich kann man sich das sehr gut vorstellen, dass da gewährleistet sein muss, dass auch spezielle Störfälle mit abgedeckt werden. Und die sind in der Auslegung zu berücksichtigen.

Julia Ures: Jetzt stelle ich mir so ein bisschen Ihre Aufgabe so vor, dass Sie so ein Sammler sind, ein Sammler von Informationen. Kommt das hin?

Stefan Berndt: Das ist richtig. Ja. Wir pflegen im Hintergrund riesige Bibliotheken mit Informationen, damit wir auch schnell und effektiv auf Kundenanfragen reagieren können.

Julia Ures: Herr Kricke, wenn Herr Berndt dann genug Informationen gesammelt hat zu einem bestimmten Themenfeld oder einer bestimmten Aufgabe oder Herausforderung, dann landet das Ganze bei Ihnen. Wie geht’s dann weiter?

Martin Kricke: Dann wird zunächst, wenn es ein nichtbestehendes Produkt ist, dann wird eine Konstruktion erstellt, spezifisch mit der Anbindung an die Kundenaggregate. Wenn eine bestehende Kupplung, eine bestehende Kupplungsgröße verwendet werden kann, dann geht es letztendlich noch um die Materialauswahl der Elastomere. Das hängt natürlich ganz entscheidend davon ab, welche Randbedingungen hat der Kunde? Als Beispiel sei da mal genannt, Temperaturen, hohe Temperaturen, niedrige Temperaturen, andere Umwelteinflüsse, Chemikalien, Ozon, Sonnenlicht. Das sind alles im Grunde genommen Störgrößen, die in die Auswahl des geeigneten Elastomers eingehen und beachtet werden müssen. Das Ganze läuft natürlich parallel zu der reinen mechanischen Festigkeit. Zunächst mal muss die Kupplung natürlich das Drehmoment oder die Maschine antreiben, also das Drehmoment übertragen. Aber das muss sie natürlich auch eine bestimmte Zeit machen. Und gerade dieser Zeitfaktor ist in den letzten Jahren oder Jahrzehnten enorm hochgeschraubt worden. Wir reden also im Generatorbereich von 15.000, 20.000 Betriebsstunden. Das ist, um das mal mit einem Pkw zu vergleichen: Ihr Fahrzeug, oder zumindest zu der Zeit, als ich noch in der Automobilindustrie war, wurde auf 1000 Stunden ausgelegt. Will also sagen, eine Maschine, für die KTR eine Kupplung bereitstellt, muss etwa 20-mal länger funktionieren. Und das ist eigentlich das, was das Ganze so schwierig macht, diese Langzeiteffekte.

Julia Ures: Das heißt, das ist auch die Herausforderung an das Elastomer, so lange zu halten, ohne spröde zu werden und undicht, was kann alles passieren?

Martin Kricke: Genau! Es kann völlig versagen, es kann sich mechanisch zersetzen, es kann sich auflösen, wenn sie in Kontakt mit Chemikalien kommen. Es kann rissig werden, kennt der ein oder andere vom Autoreifen, der nach ein paar Jahren, weiß man, gewechselt werden muss, weil er einfach Risse bekommt. Und es gibt die verschiedensten Ausfallmechanismen bei Elastomeren. Aber dieser zeitliche Effekt ist eigentlich, was das Ganze so schwierig macht. Mechanisch zu prüfen, ob irgendetwas funktioniert oder hält, das geht relativ schnell, aber diese Langzeiteffekte. Und das ist, auch heute würde ich sagen, der höchste Anspruch, die Motoren oder Aggregate oder Baumaschinen, ist egal, es wird immer mehr gekapselt, die Abgasnormen werden immer weiter verschärft und das führt alles dazu, dass man kompakter, kleiner baut und dass im Wesentlichen die Temperaturen immer weiter steigen im Motorraum.

Julia Ures: Jetzt haben Sie uns auch so ein schönes Gummibeispiel hier mitgebracht. Zwei so schwarze Kugeln, Durchmesser drei Zentimeter ungefähr.

Martin Kricke: Genau!

Julia Ures: Was ist das, was haben Sie damit vor, jetzt auch uns zu zeigen?

Martin Kricke: Da möchte ich Sie eigentlich testen. Nehmen Sie das in die Hand und vielleicht sagen Sie als Nichtfachmann, was Ihnen auffällt, ob Ihnen etwas auffällt.

Julia Ures: Jetzt muss ich fragen: Sind die unterschiedlich?

Martin Kricke: Ja, die sind unterschiedlich, natürlich.

Julia Ures: Okay! Darauf zielt wahrscheinlich Ihre Frage ab.

Martin Kricke: Darauf zielt die Frage ab. Ob Sie jetzt feststellen, wo eben der Unterschied besteht.

Julia Ures: Okay! Ich lasse sie mal, also ich habe sie grad, für diejenigen, die uns nur hören, also in der Hand, hochgeworfen so ein paar Zentimeter, da merke ich jetzt im Verhalten keinen so großen Unterschied. Das ist etwas fester, das ist etwas weicher, würde ich sagen.

Martin Kricke: Und jetzt lassen Sie die mal auf die …

Julia Ures: Rechts ist etwas fester, glaube ich. Jetzt lassen wir sie mal hüpfen auf dem Glastisch. Oh! Jetzt ist was Interessantes passiert. Sie haben es gesehen, wenn Sie uns jetzt im Video zuschauen. Für den Podcast: Die eine Kugel ist gesprungen, wie man das von einem Flummi kennt, die andere überhaupt nicht. Machen wir nochmal. Jo! Wie so ein Mehlsack fällt die nach unten.

Martin Kricke: Genau! Das ist genau der Effekt, den wir eigentlich hier zeigen wollen.

Julia Ures: Hätte ich auch anders erwartet. Also tatsächlich Überraschung geglückt.

Martin Kricke: Man fühlt das nicht, man kann das nicht sehen. Trotzdem ist das Material grundsätzlich unterschiedlich. Der Fachmann spricht von Dämpfungsverhalten oder von der Rückprall-Elastizität. Da will ich jetzt gar nicht weiter darauf eingehen, was das ist, aber Herr Berndt weiß das natürlich mindestens genauso gut wie ich, welche Einflüsse das auf einen drehschwingungssensiblen Antrieb hat. Und das ist eine ganz entscheidende Größe und deswegen wollen wir eigentlich Wert darauf legen, ja, man sagt Gummi oder man sagt Elastomer, aber im Grunde genommen ist es ein Überbegriff, der sehr, sehr genau spezifiziert werden muss. Und dann eben ein Kunde braucht das Elastomer, was in dem rückprallelastischen Ball enthalten ist und der andere Kunde braucht genau das Gegenteil. Und das wird eben im Zusammenspiel mit der Berechnung wird das ausgelegt und dann später auch im Produkt realisiert. Das ist existenziell wichtig. Wenn da eine falsche Auslegung stattfindet, dann gibt’s erhebliche Probleme.

Stefan Berndt: Wir müssten uns wirklich genau die Kundensituation anschauen, auch analysieren, was will er damit machen, und dann genau abstimmen, welches Elastomer ist hier das wichtigste. Welches müssen wir hier einsetzen, damit auch die Kundenanforderungen funktionieren und umgesetzt werden können. Weil wenn man da einen Fehler mit macht, wenn man jetzt zum Beispiel diesen einen Gummiball in einer Anwendung einsetzt, der eigentlich den anderen Gummiball benötigt, dann kann es zu massiven Problemen führen.

Julia Ures: Jetzt ich als Laie bin auf diesen Effekt tatsächlich auch reingefallen sozusagen, dass man denkt so, ach guck mal, die machen erstmal den Eindruck, als ob sie ziemlich gleich seien. Hätten Sie es, wenn Sie die einfach so in die Hand bekommen, hätten Sie gewusst, ah, der fällt runter wie so ein Mehlsack und hüpft nicht?

Stefan Berndt: Das sind dann so Effekte, die kann man nicht sehen und auch schwierig fühlen. Die sieht man dann nachher erst auf dem Prüfstand.

Julia Ures: Auch Sie als Experte, da bin ich beruhigt.

Stefan Berndt: Ja, natürlich.

Julia Ures: Der Prozess, den Sie jetzt schon so beschrieben haben, wenn neue Produkte entwickelt werden, hört sich für mich schon aufwendig an. Und Sie haben eben schon uns so einen kleinen Einblick gegeben, was alles dafür nötig ist. Das funktioniert auch nur, wenn die Abteilungen Hand in Hand miteinander arbeiten. Vermutlich ist das auch verhältnismäßig teuer. Jetzt mal ganz einfach gefragt: Warum sollte man das dennoch so machen, wie Sie es beschrieben haben? Und was sind die Vorteile für den Kunden und was sind auch die Vorteile fürs Unternehmen KTR? Wer von Ihnen möchte die Frage vielleicht beantworten?

Martin Kricke: Der Vorteil oder die Anforderung an die KTR ist eben, auf diese Bedürfnisse des Kunden einzugehen. Herr Berndt hat es genannt, das ist ganz wichtig. Und damit grenzt sich KTR natürlich auch von Marktbegleitern ab. Damit meine ich auch: Denn diese Kugel zu produzieren, diesen Gummiball, das kann jeder, das kann man in jedem Platz auf dieser Welt, aber das Zusammenspiel innerhalb der Produktentwicklung, der Berechnung und dann auch der Realisierung, das ist das, was KTR eben ausmacht.

Julia Ures: Können Sie uns zeitlich so einen Überblick geben, wie lange dauert das ungefähr? Wenn Sie jetzt vielleicht so ein Bedürfnis auf den Tisch bekommen und erfahren, der Kunde hat eine Anwendung, der hat einen Bedarf, dann ermitteln Sie erstmal, was braucht er genau. Bis der dann auch seine fertige Lösung bekommt, wieviel Zeit verstreicht da so ungefähr?

Stefan Berndt: Ich bin jetzt auch schon ein paar Tage dabei. Das heißt, wenn ich eine Kundenanfrage lese, dann spielt sich in meinem Kopf direkt eigentlich schon die engere Auswahl ab. Das heißt, wenn eine normale Anfrage reinkommt, dann habe ich innerhalb von wenigen Minuten schon ziemlich genau auf dem Radar, welche Kupplungslösung hier die richtige wäre. Das muss man natürlich dann untermauern mit einer Auslegung. Das heißt, man muss so ein bisschen Daten sammeln, Daten berücksichtigen und dann gucken, ob diese im Kopf geschehene Vorauslegung auch wirklich zutreffend ist. Das heißt, die reine Auslegungszeit, die ist irgendwo im Bereich weniger Minuten bis zu ein paar Stunden. Also da sind wir jetzt nicht tagelang in der Regel dabei, sondern das geht eigentlich relativ schnell. Aber auch, weil wir diese Situation kennen, wir kennen die Kunden, wir kennen die Anforderungsprofile des Kunden und können deswegen auch gut ableiten, ein ähnlicher Kunde hat bereits eine ähnliche Anfrage, was dann wirklich benötigt wird und wie haben wir das da gelöst. Das geht also eigentlich relativ schnell.

Julia Ures: Herr Kricke, Sie haben eben so am Anfang fallen lassen, das ist ein Material, was Sie immer wieder überrascht. Mich hat eben dieser Selbstversuch hier natürlich auch überrascht, weil man rechnet wirklich eher mit dem Flummi-Effekt. Oder so ging es mir jetzt, dass ich gedacht habe: Jetzt schmeiße ich irgendwie auf den Tisch, dann kommt das wieder hoch. Und das andere fiel eben runter und hat gar nicht reagiert oder sehr träge. Was sind so Dinge, die Sie noch nach so langer Beschäftigung auch mit diesen Materialien immer noch überraschen?

Martin Kricke: Bei einem dieser Bälle handelt es sich um Naturkautschuk. Das ist, wie der Name sagt, ein natürliches Produkt, wächst am Gummibaum, wird geerntet. Das ist ein Material, was ständig Schwankungen unterworfen ist. Das heißt, das ist kein Material wie die anderen, ein synthetisches, was aus irgendeinem chemischen Prozess herauskommt, sondern das ist ein natürliches Produkt, was Witterung, Feuchtigkeit, Temperaturen unterlegen ist. Um für diese Kugel immer die gleichen Parameter oder immer die gleichen Eigenschaften zu haben, bedeutet das, dass man ständig den Prozess kontrollieren muss und auch eingreifen muss. Es gibt also nicht eine Elastomer-Mischung auf natürlicher Basis, also Naturkautschuk, die einmal realisiert wird und dann ist die 20 Jahre so, sondern sie ändert sich und man muss jedes Mal wieder von vorne anfangen und eingreifen, um diese natürlichen Schwankungen zu eliminieren.

Julia Ures: Können Sie an dem Material erkennen, wenn das so ein Material ist, was tatsächlich Schwankungen unterliegt, können Sie vorher schon erkennen, inwiefern das wohl schwanken wird in seinen Eigenschaften? Oder müssen Sie das dafür intensiv untersuchen?

Martin Kricke: Jede Gummicharge, jede Produktionsmenge durchläuft einen Freigabeprozess. Auch wenn das schon tausendmal vorher gemacht wurde, jede Gummicharge, das sind üblicherweise so 50 bis 200 Kilogramm in der Gummiindustrie, durchläuft einen relativ aufwändigen Freigabeprozess, wo genau diese Schwankungen ermittelt werden und dann gegengesteuert wird. Das ist ein erheblicher Aufwand. Da sind viele Laboranten beschäftigt, die den ganzen Tag nichts anderes machen als diese Prozesskontrolle, um zu garantieren, dass das Produkt nachher dieselben Eigenschaften hat wie vor einer Woche oder vor einem Jahr.

Julia Ures: Ja, spannend! Herr Berndt, von außen würde man jetzt vielleicht denken, Sie arbeiten da mit Materialien in immer gleichen Vorgängen und Prozessen und das ist alles von vorne bis hinten wirklich planbar und auch am Reißbrett genau vorher durchzuspielen, wie das alles reagieren wird. Aber es bleibt auch für Sie spannend.

Stefan Berndt: Ja, natürlich! Wie der Herr Kricke schon erwähnt hat, da gibt’s gewisse Abweichungen. Und auch diese Abweichungen müssen wir natürlich innerhalb der Auslegung mitberücksichtigen. Das heißt, wir machen in der Regel eine Min-Max-Betrachtung und die Wahrheit wird sich dann irgendwo in der Mitte wiederfinden. Solange man diese Betrachtung einhält, kann man sehr prozesssicher auch die Auslegung durchführen.

Julia Ures: Herr Kricke, ist eigentlich Naturkautschuk ein Material, was irgendwann ausgehen wird?

Martin Kricke: Nein, das ist nicht zu erwarten, weil es in bestimmten Applikationen, zum Beispiel in einem Großteil unserer Kupplungen auch heute noch unersetzbar ist. Es hat bestimmte dynamische Eigenschaften, die man mit synthetischen Elastomeren nicht nachstellen kann.

Julia Ures: Und wächst da genug nach?

Martin Kricke: Ja, da wächst genug nach. Ich habe das in Vorbereitung hier auf unser Treffen heute mal ein bisschen recherchiert. Man glaubt es oder nicht, das sind 2 Milliarden Bäume, die auf der Welt stehen, Gummibäume, die geerntet werden, um das Vormaterial zu erzeugen. Das ist natürlich, wie alle natürlichen Rohstoffe, Schwankungen unterzogen. Zum Beispiel Palmöl, Kakao, Gummibaum, das sind alles Produkte, die im Wesentlichen in Südostasien geerntet werden, und sind natürlich abhängig von den aktuellen Preisen. Sind die Preise niedrig, geht der Bauer her und holzt seine Bäume ab und pflanzt Palmen an, um Palmöl zu gewinnen. Und so geht das alle paar Jahre hin und her. Das heißt, wir haben auch Schwankungen der Rohstoffe und natürlich auch Mengenschwankungen.

Julia Ures: Wir nähern uns den angekündigten 20 Minuten, das heißt, wir kommen langsam auch zum Ende unserer Folge heute, die sich beschäftigt hat bis hierhin und noch ein ganz kleines Stückchen weiter mit dem Thema Gummi. Ganz zum Schluss würde ich Sie noch gerne auf die Trends ansprechen. Herr Berndt, welche Trends sehen Sie so in diesem Metier, in dem Sie da tätig sind? Wohin geht die Reise?

Stefan Berndt: So einen Oberbegriff, den kennen wir alle, der heißt Downsizing. Der Martin hatte es gerade schon mal angerissen. Das ist auch im privaten Bereich so, dass man vielleicht früher ein Auto gekriegt hat mit einem Sechs-Zylinder-Motor. Heute wird der gleiche Motor mit der gleichen Leistung aber mit vier Zylindern hergestellt. Das bedeutet für die Kupplung ein höheres Maß an Dynamik. Einhergehend mit einem kleineren Motor geht dann auch weniger Bauraum einher. Das ist einfach so, dass dann die Anbindung kompakter ausgeführt werden muss, weil das im Grunde alles kleiner wird. Ein kleinerer Bauraum führt dann auch wieder zu einer höheren Umgebungstemperatur. Das heißt, jeder Schritt für sich ist eigentlich relativ gering, aber in Summe sind das natürlich sehr viele Schritte, die unser Produkt da gehen muss. Und dann wird das auch in naher Zukunft vermehrt zu Anfragen kommen mit regenerativen Kraftstoffen wie zum Beispiel Wasserstoff. Wir wissen heute schon, dass ein Wasserstoffmotor ungefähr 20 % höhere Dynamiken generiert als ein vergleichbarer Dieselmotor. Auch diese höhere Dynamik muss unsere Komponente übertragen. Also es sind jede Menge spannende Themen, die einzeln für sich gesehen gar nicht so relevant sind, aber in der Summe spielt das schon eine große Rolle.

Julia Ures: Herr Kricke, ist das auch so Ihr Blick für die Zukunft oder Ihre Perspektive, …

Martin Kricke: Ja, natürlich!

Julia Ures: … diese Trends, die wir jetzt gehört haben?

Martin Kricke: Absolut!

Julia Ures: Oder fehlt da noch was?

Martin Kricke: Absolut! Durch dieses Downsizing, wir haben es vorhin schon mal gesagt, steigen die Anforderungen auch an das Elastomer, Temperaturen beispielsweise. Es gibt auch noch eine andere Größe, die ganz wichtig ist, und das ist die Gesetzgebung, das ist die Umweltgesetzgebung. Hatten wir vor 20 Jahren in den Elastomeren noch viele Chemikalien, die heute verboten sind, so setzt sich dieser Trend auch weiter fort. Inzwischen sind wir an der Stelle, dass elementare Bestandteile einer Elastomer-Mischung drohen, auf den Index zu kommen. Und so ist man immer auf der Suche nach Ersatzwerkstoffen, ohne die Performance des Elastomers nicht zu schwächen oder gar zu vernichten.

Julia Ures: Das war unsere Episode zum „Gummi, zum Herz(stück) der Kupplung“. Und wir haben erfahren, dass das ein sehr, sehr hochinteressantes Material ist, ein spannendes, und auch manchmal ganz schwer planbares Material, das Sie immer wieder vor Herausforderungen stellt und die Arbeit, glaube ich, auch nicht langweilig werden lässt. Ganz herzliches Dankeschön an Sie beide fürs Kommen hier. Jetzt fällt die Kugel doch noch unter. Das ist die, die ein bisschen hüpft, die wenig träge dann einfach liegenbleibt. Ich möchte mich herzlich bedanken bei Ihnen beiden, bei Martin Kricke und bei Stefan Berndt, und bei Ihnen natürlich fürs Zuschauen und Zuhören, für Ihr Interesse an unserer Folge. Schicken Sie uns fleißig gerne weiter Ihre Vorschläge, Ihre Fragen für dieses Format „In Sight KTR – schnelle Fragen, konkrete Antworten“. Wir freuen uns auf Ihre Fragen, die Sie uns einsenden, vielleicht zu ganz konkreten Themen. Vielleicht sagen Sie auch, „In Sight KTR“, nehmt euch doch mal dieses und jenes Thema vor, auch das ist herzlich willkommen an socialmedia@ktr.com. Bis zum nächsten Mal! Machen Sie es gut! Tschüss!